Kommentar zu Müllers Ulm aus der Ausgabe vom 31.8.2016 des Ulmer Wochenblattes

Kommentar

Es geht um diesen Artikel: Müllers Ulm: Gaumenfreuden

Sehr geehrte Frau Müller,

Sie werfen in Ihrer Kolumne eine interessante Frage auf, die allerdings sehr darauf schließen lässt, dass Sie zwar drüber nachgedacht , aber nicht einfach mal wen gefragt haben.

„Warum will der Veganer ein Produkt, das aussieht wie Fleisch, aber kein Fleisch enthält?“

Nur aus dieser einen Frage liest man bereits ein krasses Unverständnis gegenüber dem Veganismus.

Kaum ein Veganer (ich möchte mir nicht anmaßen für alle zu sprechen, deswegen tue ich es auch nicht) lehnt die Form eines Schnitzels oder einer Wurst ab, die hat sich ja über Jahrhunderte hinweg bewährt.
Was wir ablehnen ist die Ausbeutung des Tieres für das Schnitzel. Ein empfindungsfähiges Wesen, welches unter verachtenswerten Umständen gehalten wird und sein, in diesem Fall zum Glück, kurzes Leben fristen muss.

Kennen Sie eventuell den Reim, den meine Oma mir als Kind immer sagte? „Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz.“
Nichts anderes befolgen wir. Nur, dass wir halt auf den Reim verzichten und das „zum Scherz“ weglassen. Es gibt keinen vernünftigen Grund einem Lebewesen, dass die selben Schmerzen, die selben Empfindungen haben kann
wie wir, das anzutun, was wir (Die Menschheit an sich) dem Tier antun. Und ich rede da nicht nur von der Fleischproduktion und der Massentierhaltung, sondern von der gesamten „Nutztierhaltung“.

Ich würde da auch gerne noch ins Detail gehen, aber am Ende steht dann wieder der „missionierende Veganer“ im Raum, ein Vorurteil, dass wohl nur existiert, weil man nicht in 2 Sätzen erklären kann, warum man auf alteingesessene Traditionen verzichtet. Es würde aber auch den Rahmen eines „Leserbriefes“ sprengen.

Was man natürlich auch nicht vergessen sollte, nicht jeder Veganer ist gleich. Ich persönlich trenne die in ethisch, gesundheitlich und modisch motiviert.
Gerade der modisch motivierte Veganer läuft eher einem Trend hinterher als sich wirklich einen Kopf darüber zu machen. Der gesundheitlich motivierte Veganer achtet auf seine Gesundheit und kennt die Risiken und Gefahren die tierische Produkte, vor allem aus der Massentierhaltung mit sich bringen. Der ethisch motivierte Veganer hingegen, das ist der, den ich weiter oben beschrieben habe. Auch wir haben untereinander immer wieder Dispute und Diskussionen darüber, wie weit man mit dem Veganismus gehen sollte, deswegen ist es schwer, ein wirklich einheitliches Bild eines Veganers zu zeichnen. Sie wehren sich ja sicherlich auch gegen eine Verallgemeinerung des Begriffes „die Presse“ oder noch besser gegen den Begriff „die Lügenpresse“. Vielleicht nicht aktiv, wie ich gerade, aber sicherlich innerlich.

Und dann, der quasi wichtigste Punkt, nicht Veganer machen veganes Essen, welches man im Supermarkt bekommt, sondern Firmen. Diese setzen natürlich auf altbekannte Formen. Zum einen um Menschen wie Ihnen die Wahl zu vereinfachen, zum anderen weil es auch für die Firmen einfacher ist. Die meisten Veganer, die ich kenne, greifen eher ungern zu Fertignahrung – wir wissen ja auch alle, dass Fertigfutter nicht wirklich gesund ist. Warum Sie nun also gerade das Tofu-Schnitzel so genau unter die Lupe nehmen und nicht das Soßenfix zum Schnitzel, erschließt sich mir nicht ganz. Sie versuchen doch nicht etwa einfach nur „irgendwas, was dagegen spricht“ zu finden? Mal ganz abgesehen von den Inhaltstoffen von Fleischprodukten. Neben den tollen E-Nummern in fertigen Sachen, ist auch das „reine“ Fleisch, welches noch verarbeitet werden muss, alles andere als rein. Wachstumshormone, Antibiotika und andere Medikamente in großen Mengen sind sicherlich nicht schädlich für den Fleischesser. (Achtung: Sarkasmus – nur, dass ich da nicht falsch verstanden werde.)

Ich wollte es eigentlich bei einer kleinen Einführung belassen, da zu schnell der Wall of Text und der Missionar Effekt eintreten und obendrein die wenigsten Menschen überhaupt offen dafür sind, das eigene Handeln mal zu hinterfragen.
Haben wir schon immer so gemacht ist irgendwie eine unbefriedigende Antwort, wenn man wissen will, warum man etwas macht.

Aber dieser eine Absatz zum Ende:
„Wär ja auch zu schwierig gewesen, wenn sich ein Steinzeitmensch aus Grünzeug, vielen E-Stoffen und künstlichen Aromen ein Ersatzfleisch hätte herstellen müssen. Aber dann hätten wir wohl aufgrund von Aussterben der Rasse keine Probleme mehr.“

den kann ich dann doch leider nicht ignorieren. Vermutlich wollten Sie damit niemanden auf den Schlips treten und vielleicht einfach nur die Seite füllen, vielleicht wollten Sie auch „den Veganern“ nochmal einen mitgeben, ich weiß es nicht und ehrlich gesagt, mir ist die Intention auch egal, die Worte stehen ja für sich. Sie zeigen vor allem eines – Intoleranz. Mir ist bewusst, dass es nur eine Kolumne ist und damit einfach nur ihre Meinung und ich schätze das Recht der freien Meinungsäußerung (die dann aber natürlich für alle Seiten gilt), trotzdem finde ich, dass man sich erst eine vernünftige Meinung bilden kann, wenn man diese auf Fakten und Wissen aufbauen kann. Bis dahin ist sie eigentlich nicht viel wert. Oder nehmen Sie jemanden ernst, der die Meinung vertritt, die Erde ist eine Scheibe und der Mittelpunkt des Universums?

Um dies dann mal ein wenig zu entwirren – ja, der Steinzeitmensch hätte vermutlich nicht überlebt, wenn er nicht Fleisch konsumiert hätte. Ich war damals nicht dabei, deswegen mag ich mir da kein abschließendes Urteil erlauben, aber ich halte es für wahrscheinlich. Die Welt war damals ja auch noch ziemlich gefährlich. Zwei grundlegende Unterschiede sind da wichtig. Zum einen hat der Steinzeitmensch gejgt und nicht gezüchtet und eingepfercht und zum anderen war es damals zum Überleben notwendig. Heute ist es aber absolut nicht mehr nötig, Tiere zu essen oder generell zu nutzen.
Ich gehe zwar davon aus, dass Sie schon wussten, dass mit „Früher“ an der Kasse nicht die Steinzeit gemeint war, sondern wahrscheinlich eher so ein Zeitraum von 10-30 Jahren und damit hat die Dame oder der Herr dann ja auch recht.
Ist es nicht eigentlich begrüßenswert, wenn Menschen hinterfragen? Ist denn wirklich alles gut, was wir „schon immer so gemacht haben“ ? Dann denken Sie mal an das Wort „Gleichberechtigung“. (zwischen Mann und Frau)

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