Sind Veganer dogmatisch?

Als Veganer wird man gerne kritisiert. Manchmal zu recht, manchmal nicht. Man könnte dies nun abtun als Geschwafel, aber man sollte sich schon mit der Kritik auseinandersetzen. Bevor ich der Frage im Titel zuwende, ein Erlebnis meinerseits vorweg.
Vor einiger Zeit hörte ich mir an, dass ich mich über den Veganismus definieren würde. Dass ich mich als besseren Menschen sehen würde und dass ich mein eigenes Selbstwertgefühl aus der Herabsetzung von Fleischessern ziehen würde, man so pauschal aber erst urteilen bzw. kritisieren dürfe, wenn man selbst absolut kein Leid mehr verursacht. Wer mich ein wenig kennt, der weiß, dass ich mich gegen Ungerechtigkeit jeder Art zur Wehr setze – aber ich setze mich auch mit Kritik auseinander. Ich fragte also erstmal auf Facebook nach, später auch in meinem Umfeld, ob das andere auch so sehen und offenbar war dem nicht so.

Nun könnte ich einfach sagen, Einzelmeinung, was juckt es mich? Kann ich aber nicht, wenn diese Kritik aus meinem Umfeld kommt. Mir ist es persönlich wichtig, dass Menschen mich verstehen und nicht fehlinterpretieren. (Was ich nur in einem kleinen Rahmen beeinflussen kann.)

Wir schrieben also Mails und SMS, hauptsächlich, damit ich den Ansatz des Kritikers verstehe.

Kritisiert wurde z.B. meine Kritik am Plan von Schmidt, das vegane Schnitzel zu verbieten.

Entweder wurde der Artikel nicht gelesen oder nicht verstanden, ich vermute letzteres, da ich weiß, dass mein Kritiker eigentlich immer alles von mir liest. Meine Antwort war:

„Es geht mir da nach wie vor nicht darum, dass ich unbedingt möchte, dass mein Schnitzel auch weiter Schnitzel heißt. Die Fertigteile, die ich kaufe, wenn ich mal welche kaufe, heißen eh eher Bratstück (es sei denn, ich bin in Steinheim und hab da nicht so die Auswahl). Mir ging es da nur darum, dass es deutlich zeigt, dass a) der Typ eine Fehlbesetzung ist und b) dass die Fleischindustrie nun mit allen Mitteln versucht,
Boden zu gewinnen. Und ich will mir nicht vorschreiben lassen, wie ich mein Essen zu nennen habe.
Ich habe übrigens kurz nach dem Artikel mit ein paar Omnis gesprochen, in keinster Weise repräsentativ, weil es einfach nur Leute sind, die ich
kenne. Keiner hat mal versehentlich ein veganes Schnitzel oder eine Sojawurst gekauft. Einer sagte, er hatte eine in der Hand und war
erstmal verwundert, dass die hier liegen und nicht beim anderen Fleisch, bevor er dann bemerkte, dass es Vegan war (wegen dem V Logo).“

Ich dachte, das wäre auch so schon im Artikel deutlich geworden, offenbar aber wohl nicht. Es kam das übliche „Wenn ihr doch kein Fleisch wollt, warum muss es dann heißen wie Fleisch?“ Argument, welches ich mit „Ich lehne nicht das Schnitzel oder die Wurst ab, ich lehne es ab, dass dafür Tiere sterben.“ konterte. Mir selbst ist es relativ egal, aber ich kann verstehen, warum manche Veganer trotzdem gerne Schnitzel sagen wollen. Wir stehen so schon eher am Rand als mittendrin, mit der Wegnahme von Bezeichnungen, so banal es auch ist, rückt man uns noch weiter an den Rand.
Das wollte ich aber nur am Rande erwähnen, wir hatten einige Punkte zu klären und das war eher untergeordnet.

Kritisiert wurde, wie gesagt, dass ich mich über den Veganismus definieren würde, quasi als „Der vegane Gole“. Angebracht wurde, dass ich das Vegan-Logo als Logo benutzte, kurz nach dem Veganwerden einen Tierschutzverein gegründet habe, bei meiner Partnerwahl eine Veganerin gewählt habe und generell darüber blogge.

Zum V-Logo steht bereits im Link etwas. Über den Tierschutzverein kann ich nur sagen: Es ist kein veganer Verein, er macht eine vegane Veranstaltung alle 2 Monate – er besteht aber aus Fleischessern, Vegetariern und Veganern. Es gab in meiner Heimat keinen und ich empfand es als wichtig, dass man nicht nur passiv ist, sondern aktiv etwas für die bemängelten Zustände tut.

Dass ich über den Veganismus blogge sollte klar sein, man bloggt ja schließlich über die Themen, die einen bewegen. Ich bin ja kein Nachrichtendienst, sondern Blogger. Auch wenn ich mir mittlerweile mehr Gedanken darüber mache, was meine Leser interessieren könnte, wähle ich immer noch in erster Linie nach meinem Interesse das Thema aus.

Bevor ich nun zur Partnerwahl komme – das ist nämlich ein wenig komplexer – kurz etwas zur Definition als Veganer. Natürlich ist der Veganismus ein Teil von mir und meinem Selbstbild. Ich definiere mich aber nicht als „Marco, der Veganer“ sondern als „Marco, der linksgrünversiffte Gutmensch“ (Zumindest würden das manche Leute so sagen.) – ich habe Mitgefühl mit allen Lebewesen auf dieser Welt und versuche mein Bestes, so wenig Leid wie möglich zu verursachen. Der Veganismus ist eine logische Konsequenz daraus.

Damit zur Partnerwahl. Es ist natürlich, dass man sich einen Partner wählt, der das eigene Weltbild teilt. Ein Neonazi würde sicherlich keine Frau nehmen, die ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe tätig ist und ein Nichtraucher eher selten einen Kettenraucher.
Ich habe diverse Versuche, schon als Vegetarier, mit Fleischessern gehabt und es war anstrengend. Als Veganer habe ich es gerade mal bis zum Date geschafft, als dann rauskam, dass ich Veganer bin, drehte sich die ganze Zeit alles nur noch darum. Zum Glück nicht kritisierend, sondern eher neugierig, aber ich möchte ja den anderen Menschen kennenlernen und nicht nur über mich reden. Am Ende des Abends, als man heimfuhr, bekam ich dann wenig später eine Nachricht, dass das so auf gar keinen Fall klappen kann, weil sie ja nicht ständig ein schlechtes Gewissen wegen mir haben muss. Tut mir leid, aber wenn du die Beweggründe des Veganers nicht wissen willst, dann frag ihn nicht. Ich möchte da auch noch festhalten, dass es nur rauskam, weil ich nach Sojamilch für meinen Kaffee gefragt habe. Eigentlich spreche ich das Thema nur noch an, wenn ich direkt gefragt werden. Habe ich eigentlich schon immer so gemacht.

Wenn man sich auf Partnersuche begibt, hat man gewisse Kriterien. Für den einen Menschen ist es sowas wie „Treue“ und „Ehrlichkeit“ und für den anderen eben „Reichsbürger“ oder „Flacherdler“. Ich habe mich dann für „Vegan“ entschieden, da ich mir so Diskussionen erspare und vor allem, weil ich so weiß, dass sie eine ähnliche moralische Einstellung hat wie ich, erst Recht, wenn sie wie ich aus ethischen Gründen Veganer geworden ist.

Man kann natürlich (und es wurde) die fehlende Romantik bemängeln, das spontane Verlieben in eine Frau im Supermarkt fällt dann ja komplett raus, ich würde sie ja absägen, so bald ich herausfinde, dass sie Nicht-Veganer ist.

Dies ist natürlich hochgradig hypothetisch. Ich kann nicht wissen, ob ich dem keine Chance geben würde – ich halte es nur für unwahrscheinlich, dass es Bestand hätte. Das heißt nicht, dass es nicht doch klappen kann, dafür gibt es auch durchaus Beispiele in der „Szene“. Und das letzte Mal, dass ich mich spontan verliebt habe, endete es nicht so toll. Rückendeckung für diese Entscheidung bekam ich übrigens von Veganern und Fleischessern.

Für den Punkt „Besserer Mensch“ wurden lediglich Facebookposts genommen. Ich teile angeblich Bilder mit Sprüchen, die man als „Genereller Angriff auf alle Fleischesser“ sehen kann. Ich habe meinen Feed durchsucht und bin auch fündig geworden. Gerade die Sprüche von Natural Energizer kann man durchaus als provokant ansehen.

Diese beiden Bilder mal als Beispiel. Wie man sich da nun als Fleischesser angegriffen fühlen kann, erschließt sich mir nicht ganz, aber es sollte doch klar sein, dass es eben nicht pauschal um „ALLE FLEISCHESSER“ sondern um genau die Fleischesser geht, die hier exakt das machen. Es kommt wirklich häufiger vor als man als Nicht-Veganer denkt, dass man für den Veganismus kritisiert und als Extremist bezeichnet wird – von exakt den Menschen, die eben für eine gerettete Katze noch voll des Lobes sind und/oder ihre Kinder und sich selbst mit Fast Food vollstopfen. Wenn ein Veganer Kritik in dieser Form äußert, wird ihm wieder Missionierung vorgeworfen. (Nicht von allen, versteht sich.)

Es ist also manchmal nicht leicht, wenn man sogar als passiver Veganer immer wieder in Situationen gerät, wo man sich selbst rechtfertigen muss, ausgelacht wird oder sogar beleidigt.

Ich halte mich übrigens nicht für einen besseren Menschen, weil ich Veganer bin und ich bin mir bewusst, dass ich auch immer noch Leid verursache.
Ich verursache aber weniger Leid als ein ähnlicher Mensch der Fleisch isst. Wer dies bestreiten möchte, der ist leider realitätsfremd.
Ich spreche tatsächlich Nicht-Veganern Tierliebe ab. Liebe zu bestimmten Tieren aber nicht. Es käme ja auch niemand auf die Idee, jemanden als Menschenfreund zu bezeichnen, der sich nur speziell um Menschen in Afrika kümmert und die anderen ausbeutet.
Es gibt gerade im Tierschutz eine Menge Menschen, die nicht-vegan leben und trotzdem sich den A… aufreißen für z.B. Hunde oder Katzen in Not. Diese Leute sind wichtig im Tierschutz und ich habe meinen Frieden damit gemacht, dass es nun mal so ist. Ich werde diese Menschen aber nicht als tierlieb bezeichnen, denn das ist für mich nicht in Unterscheidungen definiert, wie ich es schon bei Sarah Wiener kritisiert habe. Hundelieb nenne ich sie aber gerne. Auch das stößt weitgehend auf Verständnis.

Für die Herabsetzung der Fleischesser mussten auch wieder Facebook Bilder herhalten. Und ja, manche kann man auch wieder so deuten. Aber: Wieder nicht pauschal alle Fleischesser, sondern eben nur die, die voll mit Vorurteilen sind, selbst aber keine Ahnung haben und lieber die Augen verschließen oder stumpf der Werbung glauben.

Ich beziehe mein Selbstwertgefühl aber nicht daraus. Ich muss keinem anderen Menschen sagen, wie schlecht er ist, damit ich mich dann besser fühle. Mein Selbstwertgefühl kommt aus dem Feedback für meine Arbeit (hier und bei den anderen Magazinen, für die ich schreibe) und dem Feedback, dass ich als Tierschützer bekomme. Außerdem aus Sachen aus dem privaten Umfeld, die hier aber nicht hergehören, aber ganz sicher nicht aus dem Herabsetzen anderer Menschen. Vielleicht früher, ja, aber ganz bestimmt nicht mehr heute.

Und warum genau darf man sowas erst kritisieren, wenn man perfekt ist?

Nun zur eigentlichen Frage, entschuldigt bitte den doch längeren Exkurs. Mir ging es darum, meine sichtwiese

Sind Veganer dogmatisch?
Man kann das natürlich nicht pauschal für alle beantworten, aber generell eher nicht. Dafür ziehen wir uns mal die Definition von Dogma heran. Hier auch nochmal der Duden dazu. Demnach wäre der Veganismus also unkritisch mit sich selbst. Das mag man als Außenstehender eventuell so empfinden, ich bin allerdings in dieser Szene aktiv und weiß, dass es laufend Kritik und Diskussionen gibt. Neulich wurde z.B. eine Veganerin dafür kritisiert, dass sie ein Klavier hat. (Noble Marken haben Tasten aus Elfenbein.)

Wenn man einfach mal weiter denkt, dann ist der Veganer sogar eher das Gegenteil. Wir alle wurden als Kind mit Fleisch ernährt – nun ja, zumindest die meisten. Irgendwann fingen wir an, das zu hinterfragen und haben dann Konsequenzen gezogen. Der Fleischesser ist also eher dogmatisch, da er seine Ernährung nicht hinterfragt, was der Veganer aber fast dauernd macht.

Allerdings ist es auch schwer für einen Außenstehenden, die gesamte Tragweite zu erkennen. Ich weiß auch nicht, wie es ist, nur ein Bein zu haben, woher soll also ein Nicht-Veganer wissen, wie es ist, Veganer zu sein?

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