Mindestlohn – Top oder Flop?

Mindestlohn

Seit 2015 haben wir einen gesetzlichen Mindestlohn in Deutschland, der für alle Branchen gilt, die bisher keinen Mindestlohn hatten oder darunter lag. Dieses Jahr wurde er erhöht, aber reicht dies aus?

Um herauszufinden, ob der Mindestlohn ein Erfolg ist, müssen wir ihn natürlich erstmal auseinander nehmen. Bei der Einführung betrug er 8,50 €, seit Anfang 2017 ist er auf 8,84 € gestiegen. Brutto versteht sich.

Das ist für manche Branchen ein enormer Anstieg, ich selbst habe schon einen Vollzeitjob gehabt, bei denen ich um die 5,00 € bekommen habe. Mit circa 60 Wochenstunden kam ich damals auf knapp 800 Euro Monatslohn netto.

Aber wie verhält sich der Mindestlohn nun mit aktuellen Werten? Allgemein geht man von durchschnittlich 22 Arbeitstagen im Monat aus, mit 8 Arbeitsstunden am Tag.

Rechnen wir also einfach mal:
22 Arbeitstage * 8 Stunden pro Arbeitstag = 176 Stunden
176 Stunden * 8,50 € pro Stunde = 1.496 € Bruttolohn (2015)
176 Stunden * 8,84 € pro Stunde = 1.555,84 Bruttolohn (aktuell)

Egal wo man in Deutschland lebt und wohnt. Damit man das aber richtig in Relation setzen kann, muss man natürlich wissen, was am Ende übrig bleibt, wir brauchen also ein Beispiel.

Hugo B. ist 25 Jahre alt und arbeitet als Kurierfahrer für ein Pharmaunternehmen, er bekommt den Mindestlohn. Er wohnt in Dortmund, ist Single und hat keine Kinder.

Von seinem Geld bleibt also laut Brutto-Netto-Rechner.info (Steuerklasse 1, kein Kinderfreibetrag) 1.127,34 €. Davon muss Hugo leben, sparen und für das Alter vorsorgen.

Laut Wohnungsboerse.net liegt der durchschnittliche Mietpreis in Dortmund bei 7,30 €/m² – für unser Beispiel wohnt Hugo in einer angemessenen Zwei-Zimmer-Wohnung mit 45 m² – er zahlt also eine Kaltmiete von 328,50 € – für Nebenkosten, Strom, Telefon/Internet rechnen wir einfach mal 200 Euro – was schon sehr knapp kalkuliert ist.

1.127, 34 – 328,50 – 200 = 598,84 € also grob 600 für den Monat.

Das wird reichen für Lebensmittel, Versicherungen, Altersvorsorge und eventuell Hobbies, aber auch nur knapp. Und ein Auto hat Hugo auch nicht, er fährt mit der Straßenbahn zur Arbeit. Immer vorausgesetzt, man findet Wohnraum für diesen Preis, was in Dortmund aber eher weniger das Problem ist, wenn man nicht wählerisch beim Stadtteil und der Anzahl der Nachbarn ist.

In Dortmund kommt man also klar, wie sieht es aus mit anderen Städten? Schauen wir uns mal Stuttgart an. Hier muss man erstmal wissen, dass (manche) Steuern länderspezifisch sind – in Baden-Württemberg bleiben Hugo 1.128,27 €, also knapp ein Euro mehr.

In Stuttgart sieht es dafür bei der Miete ganz anders aus. 15,54 €/m² sind hier fällig, also 699,30 € Kaltmiete für die 45 m² Wohnung.

1.128,27 – 699,30 – 200 = 228,97 also grob 230 für den Monat.

Da wird es definitiv knapp mit Versicherungen und Altersvorsorge, geschweige denn Hobbies. Hier muss man also entweder weit weg von Stuttgart wohnen, was erhöhte Fahrtzeit mit sich bringt, oder sich wirklich arrangieren – mit viel weniger Platz, einer WG oder sogar einem Wegzug.

Alleine anhand dieser beider Städte merkt man schon, der Mindestlohn ist nicht rund, denn er berücksichtigt nicht die örtlichen Begebenheiten. Dies wird aber zum Beispiel beim ALG II und beim Wohngeld gemacht, wenn auch nicht immer wirklich gerecht.

Es ist aber auch schwierig, da einen Weg zu finden, den Mindestlohn an örtliche Begebenheiten anzupassen ohne Unmut unter den Arbeitnehmern zu schüren. Gleiche Arbeit soll ja auch gleichen Lohn bringen und den haben wir schon jetzt nicht. Welcher Hugo in Dortmund würde verstehen, dass der Hugo in Stuttgart über 250 Euro mehr verdient, obwohl beide die gleiche Arbeit machen?

Jetzt wird sicher jemand sagen, dass man ja in Stuttgart aufstocken kann. Aber sollte das wirklich nötig sein, wenn man Vollzeit arbeiten geht? Sollte eine Vollzeitarbeitsstelle nicht ausreichen, damit man eben nicht mehr auf den Staat angewiesen ist?

Aber dafür leben wir ja in einem Sozialstaat. Und es gibt neben dem Aufstocken mit ALG II ja auch noch Wohngeld. Ist zwar immer noch eine Leistung vom Staat, aber nicht ganz so stigmatisiert wie ALG II. Haken bei den Sozialleistungen ist – dort fällt man aus dem Raster, so bald die Wohnung zu groß oder zu teuer (= nicht angemessen) ist. Und dann gibt es ja auch noch Einkommensgrenzwerte – der beim Wohngeld liegt da bei 830 € -wohlgemerkt, nachdem vom normalen monatlichen Einkommen gewisse Pauschalbeiträge abgesetzt werden können, z.B. prinzipiell schon mal 6% des Jahreseinkommens, was knapp 70 Euro pro Monat sind.

Man kommt also nur knapp unter den Höchstwert, wenn überhaupt. Die Höhe des Wohngeldes richtet sich dann nach den örtlichen Begebenheiten und kann auch durchaus großzügig ausfallen. Wenn man soweit kommt, dass man überhaupt Anspruch hat. Laut dem Wohngeldrechner von geldsparen.de bekäme der Hugo aus Stuttgart 493,00 € Wohngeld und der aus Dortmund 356,00 €. Das ist allerdings, wie auf der Website auch geschrieben steht, nicht verbindlich, da es Einzelfallentscheidungen sind.

Wir können aber festhalten – die Chance, dass man einen Anspruch auf Wohngeld hat, wenn man Mindestlohn verdient, ist gut. Die Mietpreisgrenzen sind allerdings teilweise unrealistisch.

Der Mindestlohn hat aber auch noch andere Auswirkungen. In den Branchen, die vorher unter diesem lagen, wurden die Preise erhöht. Zum Beispiel beim Friseur. Klar, man braucht nicht jeden Tag einen Haarschnitt, aber man sieht die Tendenz. Trotzdem ist es natürlich richtig, dass jeder einen Lohn bekommt, mit dem er leben kann.

Außerdem gibt es Ausnahmen vom Mindestlohn. Der gilt z.B. für Jugendliche oder Langzeitarbeitslose nicht.

Am Ende bleibt also übrig: Guter Ansatz, aber nicht zu Ende gedacht.

Hier gibt es einen Blick ins Mindestlohngesetz.

Ein Kommentar

  • Die Einführung des Mindestlohnes war sicher ein ganz wichtiger Schritt, aber hier kann das Thema nicht einfach als beendet erklärt werden. Es muss noch einiges mehr passieren, damit die Menschen auch endlich wieder von ihrem Geld leben können.

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