Donnerstage

Diese Geschichte wurde auf meinem alten Blog schon einmal veröffentlicht, sie stammt aus 2012. Sie ist mit Absicht in „einem Rutsch“ geschrieben, da ich das Gedankenkarussell des Protagonisten wiederspiegeln wollte.

Ich hasse Donnerstage. Ja, die meisten Menschen hassen Montage. Weil er soweit vom nächsten Wochenende entfernt ist. Aber ich nicht. Wenn in meinem Leben etwas Negatives passiert ist, dann war es immer ein Donnerstag. Die Trennung von meiner Frau und der dazugehörige Scheidungstermin zum Beispiel. Oder das verlorene Pokalfinale. Mein einziges Mangelhaft in einer Klausur. Ich könnte das noch fortsetzen, aber ich brauche nicht noch mehr negative Schwingungen. Es ist Donnerstag. Und ich hab ein Meeting mit meinem Chef. Zwei Stunden noch. Die Fahrt mit der U-Bahn dauert heute auch länger als sonst. Bauarbeiten an der Haltestelle „Kampstraße“. Was will mein Chef von mir? War meine Arbeit nicht gut genug? Noch vier Haltestellen. Seit sechs Monaten fahre ich mit dieser Bahn, immer zur selben Zeit. 07:17, acht Stationen, bis zur Haltestelle „Rathausplatz“. Aber jeden Morgen schaue ich auf den Fahrplan und zähle die Stationen bis zum Rathausplatz. Blöde Angewohnheit. Neben mir sitzt ein Rentner. Er regt sich über die heutige Jugend auf. Als er mich etwas fragt, höre ich seine Worte nicht und nicke nur. Ältere Menschen werden die Jüngeren nie verstehen, warum sollte ich mir darüber den Kopf zerbrechen? Ich hab ganz andere Sorgen. Es ist Donnerstag. Und ich habe ein Meeting mit dem Chef. Was er nur will? Warum kann er nicht einfach direkt sagen, was er will? Ich hasse so was. Keine Rücksicht auf die Gefühle anderer. Will er mich loswerden, kurz vor Ende der Probezeit? Jetzt ginge es ja noch problemlos. Ich werde bestimmt gefeuert. Eine Station noch. Sehe ich denn wenigstens gut aus? Wenn ich schon gefeuert werde, dann will ich dabei auch gut aussehen. An mir liegt es eh nicht, ich habe immer 100% gegeben. Wobei, letzten Monat sind mir ein paar Fehler unterlaufen. Der Rathausplatz ist heute auch mal wieder voll, irgendeine Demo für die Rechte der Tiere. Warum macht eigentlich nie jemand eine Demo für mich, wenn es um meine Rechte geht? Der Chef kann mich doch nicht einfach feuern, nur weil mir ein paar Fehler unterlaufen sind. Fehler sind doch menschlich. Aber Chefs sind ja auch keine Menschen. Sklaventreiber sind die. Ständig kontrollieren und treiben sie mich an. So kann man doch nicht vernünftig arbeiten. Ich bin selbst schuld. Ich hätte besser arbeiten können. Noch knappe 500 Meter zum Büro. Ich kaufe mir noch ein Belegtes Brötchen, mit Hartz IV werde ich mir so einen Luxus bald nicht mehr leisten können. Da gibt es dann nur noch Discounter Brot und Discounter Marmelade. Das Geld reicht vorne bis hinten nicht. Mein Auto werde ich dann wohl auch wieder abgeben müssen. Schade, immerhin hatte ich mir das vom Munde abgespart, aber in der Großstadt braucht man eh kein Auto. Ich hatte das nur gekauft, damit ich nicht mit dem Bus zum Einkaufen fahren muss. Ist extrem unhandlich, Katzenstreu oder eine Kiste Wasser im Bus zu transportieren. Aber bald muss ich das ja wieder. Einschränken werde ich mich wohl müssen. Ich werde Isabelle am Empfang vermissen. Jeden Morgen lächelt sie mich so nett an. Ob sie auf mich steht? Bestimmt. Da wir ja bald keine Kollegen mehr sind, könnte ich sie eigentlich mal fragen, ob wir nicht ausgehen wollen. Die weiß aber bestimmt schon, dass ich entlassen werde. Wer gibt sich denn schon mit einem arbeitslosen Versager ab, der den einfachsten Job nicht behalten kann? Ich hab keine Ahnung, wie ich die Zeit überstehen soll, bis ich Gewissheit habe. 8:05 Uhr. Ein wenig zu spät am Schreibtisch. Egal. An meinem letzten Tag muss ich nicht mehr auf Ordentlichkeit achten. Kaffee muss auch noch sein, trinken kann man den ja nebenher. Wie eklig, dass die nur Kaffeeweißer haben, aber hauptsache Kaffee. Früher habe ich noch wir gesagt, aber ab heute bin ich ja nicht mehr hier. Ich bin immer sehr loyal zu meiner Firma, empfinde es als Auszeichnung, wenn ich für jemanden arbeiten darf. Und so wird mir das gedankt. Ich hab sogar die Facebook Seite geliked. Mal die Mails checken und sehen, was heute noch zu tun ist. Mein Kollege sagt irgendwas wie Glückwunsch. Der Sack. Der weiß sicher auch schon, dass ich gefeuert werde. Fast eineinhalb Stunden. Wie soll man das nur aushalten? Na ja, ich könnte zur Abwechslung auch arbeiten. Erstmal die Mails beantworten. Was will dieser Kunde? Die Ware ist nicht komplett? Wie soll das denn gehen? Das wird bei uns doch nur von einer großen Verpackungseinheit in eine kleinere umgepackt. Geschlossene Kartons. Da muss der Hersteller geschlampt haben. Verweisen wir ihn also mal an den. Steht ja auch in den AGBs. So, nächster Kunde. Oh, nur ein Lob. Das ist leider viel zu selten in so einem Job. Man bekommt immer nur mit, was schief läuft. Unzufriedene Kunden sind laut, zufriedene Kunden still. Sowas kann einen krank machen. Dann noch einen Chef, der ständig am mosern ist und fertig ist das Burnout Syndrom. Ich krieg auch schon Kopfschmerzen. Ich glaub, ich bin froh, wenn ich hier weg bin. Lange hätte ich das wahrscheinlich eh nicht durchgehalten. Stupide Arbeit, kaum Anerkennung und ein mickriger Lohn. Oh, fast die Mails vergessen. Die hier muss ich weiterleiten. Mal sehen, was bei kicker.de steht. Hmm, Nico Rosberg kann theoretisch noch Formel 1 Weltmeister werden. Interessant. Dem würde ich das auch gönnen, so ein sympathischer Kerl. Aber realistisch ist es nicht mehr. Vielleicht im nächsten Jahr. Gut, dass die Rennen immer am Sonntag sind, an einem Donnerstag würden die sicher kein Land sehen. Oh, der Kunde wieder mit der unvollständigen Ware. Ach, er hat zwei bestellt und nur eines bekommen. Dann entschuldige ich mich mal für seine präzise erste Mail und schicke ihm Ersatz raus. Dreißig Minuten. Erstmal zur Toilette und dann eine rauchen, sind wieder fünf bis sieben Minuten geschafft. Langsam werde ich nervös. Aber irgendwie auch erleichtert, dass ich es bald hinter mir habe. Glücklich wäre ich hier eh nie geworden. Gehen wir mal langsam zum Platz zurück, dann sind es noch zehn Minuten, bis ich mich aufmachen kann zum Chef zu gehen. Die kriegt man irgendwie rum. Vielleicht auch mit Arbeit. Aber daran kann ich jetzt kaum denken, ich will den Kunden ja auch keinen Bockmist erzählen. Also lieber Facebook und meine Farm bewirtschaften. Soll wer anders die Mails beantworten, ich hab ja eh nicht mehr lange. So, langsam aufstehen und noch ein Becher Wasser holen. Das Büro vom Chef ist eine Etage höher, Lift oder Treppe? Ach, Treppe, ich will ja in Form bleiben. Außerdem dauert es länger. Ich klopfe an das Büro vom Chef. Er sitzt wie immer an seinem Schreibtisch, als er mich sieht begrüßt er mich und kommt zu der kleinen Sitzgruppe, wo jedes Gespräch abläuft. Er fragt auch wie immer, ob ich was trinken mag. Ich nehme ein Wasser.
„Herr Gole, eigentlich ist es unüblich, dass wir so etwas unter vier Augen machen, aber in diesem Fall dachte ich, machen wir eine Ausnahme.“
Aha. Unüblich? Wird man sonst vor versammelter Mannschaft gefeuert? Was erlaubt der sich? Ich muss mich doch nicht demütigen lassen, vor versammelter Mannschaft.
„Meinen Glückwunsch zum Geburtstag und zum Bestehen der Probezeit.“
„Das Eine sage ich Ihnen, sie Affenarsch, Ihre scheiß Firma und ihren unter bezahlten Job können Sie sich in die Haare schmieren.“